miércoles, 3 de junio de 2009

Avantgarde auf buntem Karton

Bücher aus Müll? In Buenos Aires druckt eine Gruppe junger Künstler lateinamerikanische Literatur auf alte Pappe

November in Buenos Aires, argentinischer Sommer. Es ist heiß im südlichen Einwandererviertel La Boca,berühmt für den gleichnamigen Fußballverein in dem ehedem Diego Maradona groß wurde. In diesemheruntergekommenen Stadtteil huschen Kakerlaken über die Tresen der Straßencafés. Ein alter Mann hat wie selbstverständlich sein Lager am Straßenrand aufgeschlagen; in seinem Bett schläft er am helllichten Tag mit einer ramponierten Kinderpuppe im Arm.

Plötzlich tut sich in der Straße Brandsen eine kleine Farboase auf. Zwischen einem Kiosk und einer Pizzeria werden die Rollläden einer Werkstatt hochgezogen. Ein Laden: No hay cuchillo sin rosas − Kein Messer ohne Rosen, Eloísa Cartonera heißt das Projekt, das sich dahinter verbirgt. Ein Kunstprojekt mit sozialem Anliegen. Hier arbeiten Autoren, Künstler und die sozial Schwächsten der argentinischen Gesellschaft an einem Werkstatttisch, schneiden, bemalen und bekleben Pappe aus zweiter Hand und bedrucken Papier. Das Endprodukt ist lateinamerikanische Literatur zwischen zwei bunten Buchdeckeln aus Karton.

In der Werkstatt wartet ein in Argentinien sogenanntes quilombo − ein Chaos − aus Karton, Papier und Farben. Regale hängen an den Wänden, vollgestellt mit meterlangen Buchreihen, ein Farbenmeer aus bunten Kartondeckeln. Eine Druckermaschine steht etwas verloren inmitten der Unordnung. Ein Radio tönt, in der Mitte des Raumes stehen zwei Tische voller Farbspritzer. Miriam wischt den Boden und grinst. Sie grinst die
ganze Zeit.

Früher war Miriam eine Cartonera , eine der Kartonsammler von Buenos Aires. Abends ziehen sie durch die Straßen der Stadt und sammeln auf Leiterwägen Papier, Karton − letztlich alles was wiederverwertet werden kann, um es dann in Recyclingfabriken zu Kilopreisen zu verkaufen. Männer wie Frauen, Kinder und Jugendliche, manchmal ganze Familien inklusive der Großeltern. Sie schlachten die Müllsäcke aus, die abends vor die Häuser gestellt werden. Das Ergebnis sind allabendliche Müllexplosionen auf den Straßen. Die Zahl der Cartoneros , die jede Nacht aus den ärmeren Außenbezirken in die Hauptstadt kommen, wird irgendwo zwischen 40.000 und 100.000 geschätzt. Besonders nach der argentinischen Wirtschaftskrise 2001,
stieg ihre Zahl rapide.

Miriam ist seit einem Monat jeden Tag in der Werkstatt. Sie ist 23, groß und rund, mit einem strahlenden Lächeln. „Aus aller Welt kommen die Journalisten, machen Fotos und wollen uns kennenlernen“, erzählt sie stolz und drückt ihren Pinsel in himmelblaue Farbe. Beim Bemalen der Buchdeckel gibt es keine Regel. Jeder soll seinen eigenen künstlerischen Ausdruck entdecken, der sich dann in den langen, farbenprächtigen Buchreihen wiederfindet.

Die Werkstatt war eine Idee des argentinischen Schriftstellers Washington Cucurto. Er ist 34 und verbrachte seine Jugend als Santiago Vega in den Armenvierteln der Provinz. Jung kam er nach Buenos Aires, schlug sich durch, füllte Supermarktregale auf, ehe er einen Kreis junger Literaten traf. Dort wurde er zu Washington Cucurto und teilt seither Literaturkritiker in zwei Lager: Manchen ist er ein Kultautor, ein Teil der Avantgarde, anderen indes zu vulgär, ein Schandfleck der argentinischen Literatur. Er und der bildende Künstler Javier Barilaro gründeten 2003 die Verlagskooperative Eloísa Cartonera.

Cartoneros , die zufällig mit ihren Leiterwägen das Geschäft passieren, wird um ein Vielfaches des üblichen Marktpreises Karton abgekauft. Dieser wird von Mitarbeitern zugeschnitten und bunt bemalt, ausgewählte Titel werden auf Papier gedruckt oder kopiert, der Buchtitel sowie der Name des Autors werden mit einer Schablone auf den Einband gepinselt. So entstehen aus Kartonresten nicht nur bunte Bücher, sondern auch Arbeitsplätze und Integration. Wer hier arbeitet, klaubte ehedem selbst Pappe von den Straßen, war arbeitslos oder ist einer der Ehrenamtlichen und Künstler, die das Projekt unterstützen. „Als ich mit dem Schreiben
anfing, wollte ich in allem unabhängig sein: was ich schrieb, wie ich es schrieb, in der Herstellung meiner Bücher“, erzählt Washington Cucurto in der ersten Verlagsanthologie No hay cuchillo sin rosas , die dieses Jahr veröffentlicht wurde. Mit diesem Projekt kann er das verwirklichen.

Herausgegeben wird dort avantgardistische, lateinamerikanische Literatur, aus Argentinien, Chile, México, Costa Rica, Uruguay, Brasilien oder Perú. Namen, die so farbenfroh klingen, wie sie auf die Buchdeckel gemalt werden: Enrique Lhin oder Dalia Rosetti, Dani Umpi oder die junge Dichterin Cuqui. Mehr als hundert Titel sind bereits dort erschienen. Seit 2004 gibt es gar einen eigenen Literaturpreis Nuevo Sudaca Border de Literatura Latinoamericana . Der Sieger darf im Verlag veröffentlichen. Das Projekt hat sich inzwischen ausgedehnt: In Costa Rica, Peru, Brasilien und Kolumbien gibt es Partnerprojekte.

Washington Cucurto ist oft auf Reisen. Dann wird der Laden von den jungen Mitarbeitern wie Miriam betrieben. „Wir sind über Email in Kontakt“, sagt sie. Immer wieder werden Reisen ins Landesinnere und in andere Länder Lateinamerikas von den Autoren und Künstlern Eloísas unternommen, um dort Bücher zu verkaufen.

Hier im Fußball− und Tangoviertel La Boca ist es nicht leicht mit Literatur zu punkten. Doch immer wieder werden Fußgänger von den vielen Farben des Ladens angelockt. Die Bücher sind billig, sie kosten zwischen drei und zehn Peso (circa 0,7 – 2,3 Euro). Verkauft werden die Bücher in ein paar Buchläden der Stadt, im Internet, auf Märkten und Literaturfestivals, sowie in der Werkstatt selbst. Gekauft werden sie nicht nur von Touristen, sondern auch von Einheimischen, Literaturbegeisterten, Sammlern, Neugierigen, „von uns“, sagt Miriam und zuckt dabei lässig mit den Schultern.

An diesem Mittwoch ist sie mit der 18−jährigen Celeste und deren neun Monate alten Tochter allein in der Werkstatt. Bevor sie malen und kleben, gibt ihnen Adam aus Colorado Englischunterricht − einer der Freiwilligen bei Eloísa , der aushilft, wo er kann.
Das Projekt wird staatlich nicht unterstützt. Weder finanziell noch ideell. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Bücher werden sofort in Material, Farben und Miete umgesetzt. Wird nicht verkauft, kann nicht produziert werden. Je nachdem, wie viel in der Woche eingenommen wird, kann die Bezahlung an die Mitarbeiter der Werkstatt kleiner, aber auch größer ausfallen. Jeden Samstag wird das Geld in gleichen Teilen verteilt.
Zwischen achtzig und hundert Peso (circa 18 – 23 Euro) pro Woche verdienen Miriam und Celeste. Das sei weniger als durch das Sammeln und Verkaufen von Karton, erklärt Miriam. In guten Zeiten hätten sie und ihrMann, der immer noch Cartonero ist, bis zu 1500 (circa 341 Euro) Peso pro Monat verdienen können. „Es ist trotzdem besser hier, statt auf der Straße zu sein.“ sagt sie. „Hier muss ich nicht andauernd laufen.“ Wieder ihr Grinsen.

Ein neues Gesicht betritt die Werkstatt: Jorge ist einer der Straßenjungen von Buenos Aires. Er und sechsweitere werden in Kürze eine Anthologie bei Eloísa veröffentlichen, die von ihnen geschriebene Gedichte, Comics und Kurzgeschichten enthält. Was Jorge schreibt? Er zuckt die schmalen Schultern. „Keine Ahnung“, sagt er. Nachdem er scheinbar einige Augenblicke darüber nachgedacht hat, fügt er hinzu: „Was mir eben so einfällt. Gedichte vor allem.“

Bald ist Sonntag. Da sollen Bücher auf einem Markt verkauft werden. In der Werkstatt wird’s hektisch. Viele der bislang veröffentlichen Titel fehlen durch den Verkauf mittlerweile wieder in den Regalen und müssen jetzt neu aufgelegt werden. „Bis Sonntag haben wir echt eine Menge zu tun“, sagt Miriam, zeigt auf die geschmälerten Buchreihen im Regal, atmet aus und pinselt über einen neuen Kartonbucheinband.

Kathrin Schadt

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